
Bild von E. Roeske auf flickr benutzt unter Creative Commons Attribution-ShareAlike license (CC BY-SA 2.0)
Huber versteht die Welt nicht mehr. Soeben hat er sich von seinem Chef eine Standpauke anhören müssen. Huber hat einem Kunden gesagt, er könne ihm seine Werkstücke erst am Freitag produzieren, weil die dazu notwendige Fräsmaschine erst am Freitag für die Bearbeitung von Kleinaufträgen zur Verfügung steht. Der Kunde brauchte sie aber dringend schon bis Donnerstag Mittag und hat danach beim Chef reklamiert. Huber ist verwirrt. Gerade an der letzten Sitzung hat der Chef doch gepredigt, es sei nicht rentabel, für jeden Kleinauftrag, die Maschinen täglich umzurüsten. Der Prozess sehe daher vor, Kleinaufträge über die Woche zu sammeln und dann am Freitag zu fertigen. Ja was gilt denn jetzt?!
Im Coaching reflektiert Hubers Chef diese Geschichte. “Wir müssen aufhören, Prozesse zu definieren. Wir können nichts festlegen, weil wir uns jederzeit nach dem Kunden richten müssen. Die Kundenwünsche sind jedes Mal wieder anders. Wir können nicht wissen, wann sie mit welchem Sonderwunsch kommen. So machen wir nur unsere Leute verrückt!” Für ihn war als Fazit klar, ihre Aufgaben seien wohl per se nicht planbar und entsprechend nicht standardisierbar. Entsprechend schwierig sei es auch, Mitarbeiter zu schulen und auf das vorzubereiten, was auf sie zukommt.
Zusammenhang von Flexibilität, Planbarkeit und Standardisierbarkeit.
Wie ist das denn nun mit dem Zusammenhang zwischen Flexibilität, Plan- und Standardisierbarkeit von Abläufen und Schulung/Training? Mir fällt dazu die Feuerwehr als Anschauungsbeispiel ein.
- Die sind 7 x 24 Stunden einsatzbereit.
- Meistens zählt jede Sekunde und es geht nicht “nur” um Rentabilität sondern manchmal auch um Leben und Tod.
- Es gibt keine Möglichkeit voraus abzuschätzen, welcher Art der nächste Einsatz sein wird. Wie viele Leute gebraucht werden. Ob es um einen Brand, um einen Unfall oder nur um die Bergung einer Katze von einem Baum gehen wird. Was sich in einem brennenden Gebäude befinden wird (Menschen, Tiere, gefährliche Stoffe usw.).
- Einsätze sind oft komplex, weil sie neben allen Unberechenbarkeiten zusammen mit anderen Rettungskräften, Polizei usw. interdisziplinär bearbeitet werden.
Da ist zweifellos Flexibilität verlangt! Und trotzdem oder gerade deshalb sind die elementaren Abläufe der Feuerwehr hochgradig standardisiert worden. Sie sind so sehr standardisiert, dass sie nicht nur trainiert sondern teilweise richtig gehend gedrillt werden, bis die Feuerwehrleute sie verinnerlicht und als Automatismen ausgebildet haben.
Was können Unternehmen daraus lernen?
- Als erstes muss sich ein Unternehmern strategisch positionieren. Ich glaube diesen Schritt kann sich die Feuerwehr sparen, da hier die Ausrichtung klar ist: Leben retten und Schäden vermeiden (oder zumindest so gering wie möglich halten). Dazu ist es notwendig schnell zu sein! Ein Unternehmen kann den Fokus darauf legen, in jedem Fall billiger als die anderen zu sein (Kostenführerschaft). Die Kunden werden verstehen, dass dann die Flexibilität innerhalb von standardisierten Grenzen liegen wird. Oder haben Sie schon versucht bei McDonalds ausnahmsweise Nudeln als Beilage zu bestellen? Ist Ihre Strategie aber in der individuellen Kundenorientierung weiter zu gehen als alle Mitbewerber, dann müssen Sie zu allem bereit sein!
- Ist die Strategie klar, müssen Sie festlegen, auf welchen elementaren, immer gleichen Prozessen sie aufbauen können. Welche Grundtechniken müssen Ihre Mitarbeitenden beherrschen? Bei der Feuerwehr ist das zum Beispiel die Alarmierung und das Ausrücken. Egal ob ein Auto, ein Haus oder eine Scheune brennt. Immer muss es sehr schnell gehen, bis eine (allerdings von Fall zu Fall unterschiedliche) Crew mit der passenden und funktionierenden Ausrüstung vor Ort ist. Dieser Analyseschritt ist bei Legosteinen gut ersichtlich. (Ich denke jetzt an die ursprünglichen kleinen, immer gleichen, bunten Legosteine und nicht an die komplexen Lego Technic Teile.) Welche und wie viele unterschiedliche Formen müssen bereit stehen, um damit die gewünschte Vielfalt an unterschiedlichen Dingen bauen zu können? Was sind die “Legosteine” in Ihrem Geschäftsmodell bzw. in Ihrem Unternehmen?

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- Sind die Grundelemente festgelegt, muss immer (ja – immer!) auf diesen aufgebaut werden. Wenn das nicht geht, haben Sie noch nicht die Grundelemente identifiziert, die hier gemeint sind. Es gibt zahlreiche Gründe, warum an dieser Stelle keine Flexibilität tolerierbar ist. So ist es bei der Feuerwehr egal, wer gerade zum Brand aufgeboten wird. Alle nutzen die selben Kommandos. Alle gehen gleich vor, wenn man eine Schlauchleitung bauen muss. Alle ziehen sich die Atemschutzgeräte mit den selben Handgriffen an usw. Das ist schnell. Es stellt (immer gleiche) Qualität sicher. Es lässt sich schulen und üben. Es ermöglicht eine flexible Einteilung der Teams. Es reduziert die Komplexität, die Notwendigkeit sich abzustimmen, die Notwendigkeit darüber zu Kommunizieren und damit das Risiko, sich zu missverstehen. Bei Unternehmen können solche Dinge zum Markenzeichen werden, die einen Wiedererkennungswert für den Kunden bekommen.
- Potenzielle Flexibilität braucht immer Ressourcen! Auch wenn es gerade nicht brennt, stehen funktionstaugliches, einsatzbereites Equipment und eine Anzahl Feuerwehrleute in Bereitschaft. Klar, das ist nicht effizient – aber es ist notwendig. Flexibilität bekommen Sie nicht umsonst. Eine kompromisslos schlank getrimmte Organisation ist nicht mehr flexibel. Sind die für Flexibilität zusätzlich zur Verfügung gestellten Ressourcen in Ihrem Unternehmen angemessen? Die Angemessenheit ist anhand der Strategie und dem, was Sie in Ihrer Werbung kommunizieren zu beurteilen.
- Flexible Organisationen, die grösser als 5 – 10 Personen sind, sind immer lernende Organisationen, welche Prozesse etabliert haben, mit denen die Organisation (nicht einzelne Mitarbeitende) lernen kann. Bei der Feuerwehr erkennt man das z.B. daran, dass immer Übungs- und Einsatzbesprechungen stattfinden. Hier kommt die Organisation zu Erkenntnissen, welche in die Praxis übernommen, in die Theorie integriert und dann wieder trainiert werden. Ein schönes Beispiel sind grosse Katastrophenübungen, wo unter möglichst realen Bedingungen sogar die Zusammenarbeit mit anderen Rettungskräften geübt wird. Auch wenn niemand vorhersehen kann, wann, wo, was passieren wird, so macht es trotzdem Sinn, solche Übungen durchzuführen. Es ist die einzige Möglichkeit zu prüfen und zu lernen, wie die Legosteine zusammen gebaut werden können. Wie sehen in Ihrem Unternehmen die institutionalisieren Einsatzbesprechungen aus?
- Eine weitere Notwendigkeit ist Klarheit bezüglich Werten durch die ganze Organisation hindurch. Jeder Feuerwehrmann kennt die Reihenfolge: Zuerst sich selbst schützen bzw. sichern, dann andere Leben retten und erst dann alles andere. Die werden auf der Brandstelle nicht miteinander diskutieren, ob man zuerst den Ferrari aus der brennenden Tiefgarage fahren oder den bewusstlosen Bewohner retten soll. In einer flexiblen Unternehmung muss jeder Mitarbeitende wissen, was hier gilt. Was geht hier noch und was nicht mehr? Was tun wir unter gewissen Umständen und was tun wir sicher nie? Wie gehen wir mit unseren Kunden um und wie auf keinen Fall? Usw.
- Bei der Feuerwehr gilt eine hohe Selbstverantwortung obwohl diese Organisation sozusagen maximal hierarchisch strukturiert ist. Auf der Basis der klaren Werte und der festgelegten, gedrillten Elementarprozesse und -techniken kann jeder Feuerwehrmann auf sich alleine gestellt auf seinem Posten die notwendigen Entscheidungen treffen. Im Trupp, der mit Atemschutzgeräten in das brennende Haus vordringt, ist im Rauch die Sicht oft massiv eingeschränkt. Da muss jeder selbst und schnell entscheiden, was zu tun ist. Zuerst den Chef fragen wird von Kunden nicht als sehr flexibel wahrgenommen!
Wie das Beispiel Feuerwehr beweist, ist das Fazit von Hubers Chef – standardisieren geht nicht – so nicht gültig. Zweifellos ist es aber eine anspruchsvolle Herausforderung. Doch gerade weil es so anspruchsvoll ist, kann die hohe Flexibilität ein strategisches Ziel sein, mit dem man sich echt von seinen Mitbewerbern unterscheiden kann!





